Herr Schmidt und die andere Wildnis

Stellt sich die Frage: wo sonst tummel(te)n die Herren sich denn schriftstellerisch vor und während dem Schlotzen & Kloben?

Den Auftakt zur Aufklärung der aufgeworfenen Frage macht Herr Schmidt mit „Eine andere Wildnis“: Diese gar nicht grausige, wenn nicht sogar herzerwärmende Horrorgeschichte ist in der Anthologie Zwielicht erschienen, die bei Eloy Edictions erschienen und ebendort bestellbar ist.

zwielichtcover

Damit niemand den Werwolf im Sack kaufen muss, ohne zumindest vorher einen kurzen Blick ins finstere Innere des letzteren geworfen zu haben, hier ein kleiner Textauszug:

Eine andere Wildnis

[…]

Der alte Watermann lebte seit seiner Geburt auf dem Gänsehof oben am Waldrand, gut sechs Kilometer vom Ort. Die Leute nannten das baufällige Haus noch immer Gänsehof, obwohl es seit zwanzig Jahren keiner mehr war. Watermanns Frau war lange tot, die Angestellten und der einzige Sohn fortgezogen, das letzte Tier in den Ofen gewandert. Watermanns einzige Gesellschaft war die ehrwürdig ergraute Huskyhündin Saskia, die er vom Welpenalter an aufgezogen hatte.
Watermann gehörte zu der Sorte Männer, die jahrzehntelang alt blieben. Beim Gehen schlackerte er immer leicht mit der linken Hand, als hätte einer der Fäden des großen Marionettenspielers im Himmel sich irgendwo verfangen. Dazu hatte er ein steifes Knie und den krachenden Husten eines langjährigen Rauchers. Aber sein Nacken war gerade und sein Arm immer noch kräftig genug, um Saskia in den seltenen Fällen, in denen er sie an der Leine hielt, zu bändigen. Nicht, dass das in den letzten Jahren noch oft nötig gewesen wäre.
Die meiste Zeit blieb Watermann auf dem Gänsehof. Mehrmals die Woche fuhren Geschäftsinhaber aus dem nahen Ort den kleinen Waldweg zu ihm hoch, um einen Kaffee bei ihm zu trinken und ihm Milch, Brot und sogar frische Wäsche zu bringen. Wenn man bedenkt, wie sehr diese Besuche dem Eigenbrötler Watermann das Leben erleichterten, darf man seiner Freundlichkeit bei diesen Anlässen wohl durchaus ein gewisses Maß an Berechnung unterstellen.
Watermanns Sohn, ein recht erfolgreicher Anwalt aus Berlin, hatte es sich in den letzten Jahren zur Gewohnheit gemacht, ihn regelmäßig zu besuchen. Drei Tage in jedem Monat war sein roter Volvo vor dem eingestürzten Schuppen auf dem Hof zu sehen. Vater und Sohn unternahmen in diesen Tagen ausgedehnte Waldspaziergänge, oft bis zum alten Steinbruch hinauf, und sahen Saskia dabei zu, wie sie – meist erfolglos und eher der Form halber – dem einen oder anderen verräterischen Knacken im Gebüsch nachhechtete.
Manchen Ortsbewohnern fiel auf, dass die Besuche des jungen Watermann immer auf die Nächte um Vollmond fielen, doch sprach man über diese sonderliche Eigenart nur selten und dann im Scherz. Wenn man sich das Maul zerreißen wollte, wies man lieber hinter vorgehaltener Hand darauf hin, dass Watermanns Sohn noch nie seine Frau mitgebracht hatte. Ob er sich vor ihr für seine provinziellen Wurzeln schämte oder ob es vielmehr ihr an Vorzeigbarkeit mangelte, war Gegenstand von Spekulationen, nicht aber von konkreten Ermittlungen.
Eines Nachts, nach einer Exkursion mit seinem Sohn, wurde Watermann von Saskias lautem Bellen aus seinem erschöpften, aber vom Alter ausgedünnten Schlaf gerissen. Er warf sich seinen wollenen Morgenmantel über, trat in seine Schlappen und humpelte so schnell er konnte die schmale, schiefe Treppe hinab. In der Kammer lehnte ein Schrotgewehr in der Ecke, und jetzt holte Watermann es hervor und lud es mit steifen Fingern. Leise verfluchte er seine Langsamkeit, als er hörte, wie Saskias Bellen sich zu einem schrillen Jaulen steigerte.
Als er auf den mondlichtübergossenen Hof trat, sah er als erstes Saskia, die mit gesträubtem Nackenfell und gesenktem Schädel in der Ausfahrt stand und der Dunkelheit die Zähne entgegenbleckte. Watermann kniff die Augen zusammen. Im Unterholz, das nur wenige Meter jenseits des Hofes begann, regte sich etwas geschmeidig wie eine Würgeschlange. Watermann legte an und näherte sich in einem weiten Bogen der treuen Hündin. Er spürte mehr, als dass er sah, wie ein mächtiger, keilförmiger Kopf in der Finsternis herumschwang, um seinen Bewegungen zu folgen. Etwas Schweres schleifte durchs feuchte Laub.
Neben Saskia angekommen erkannte Watermann, womit er es zu tun hatte, und die klamme Oktoberluft biss ihm plötzlich schmerzhafter in die Lungen als der schlimmste Raucherhusten. Keine fünf Meter von ihm entfernt erhoben sich die Schultern eines mächtigen Wolfes. In den Kiefern hielt das nachtschwarze Ungetüm ein Reh am fast durchtrennten Genick. Als Watermann scharf einatmete, trat der Wolf ins Mondlicht. Er bewegte sich lautlos, bis auf das schleifende Geräusch des Rotwilds, das er so beiläufig mit sich zog, als hätte er vergessen, dass sich überhaupt etwas zwischen seinen Kiefern befand.
Mit dem schrillen Kläffen, das normalerweise Pinscher von sich geben, wenn sie sich todesverachtend auf ausgewachsene Schäferhunde stürzen, schoss Saskia der Bestie entgegen.
Widerwillig ließ der Wolf seine Beute los, um die Angreiferin zu empfangen. Im nächsten Moment waren Hund und Wolf ein zappelndes Bündel Finsternis geworden, in dem hier und da Saskias helles Fell aufblitzte. Nur das Knacken dürrer Zweige unter den Kämpfenden und Saskias hektisches Japsen und Knurren waren zu hören.
Watermann legte die Flinte an und verharrte hilflos. Dann krümmte Saskias gequältes Jaulen ihm den Finger um den Abzug, und Schrot und Pulverdampf peitschten einen guten Meter über die kämpfenden Tiere hinweg in den Wald. Ein kleiner Krähenschwarm stieg krächzend aus den Wipfeln auf.
Saskia stand in der Ausfahrt, eine Vorderpfote gehoben, die Schulter darüber und die Erde darunter schwarz von Blut. Rückwärts hoppelnd entfernte sie sich von ihrem Gegner. Vor Watermann blieb sie stehen, um dem Wolf knurrend die Stirn zu bieten.
Die Bestie verharrte am Rand der Auffahrt. Sie wandte den Kopf und fing das Mondlicht in gelben Augen, die sich auf Watermann richteten. Das Gewehr glitt Watermann aus den plötzlich schlaffen Fingern.
Dann wandte der Wolf sich ab, packte den zerschmetterten Leib des Rehs und war mit einem Satz zwischen den Bäumen verschwunden.

[…]


2 Antworten auf „Herr Schmidt und die andere Wildnis“


  1. 1 Administrator 17. Juli 2009 um 12:13 Uhr

    Bist du eigentlich mit dem Hg. verwandt?

    - Herr Nicolaisen

  2. 2 Administrator 17. Juli 2009 um 14:53 Uhr

    Nö (ohne das jetzt bis ins letzte Glied nachzuprüfen …).

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